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Traumatische Übertragungen binden die Mädchen und Jungen immer wieder an die Welt des Traumas. Neue Beziehungserfahrungen werden dadurch beeinträchtigt. Alte Erlebnisinhalte bekommen große Bedeutung, eine erreichte Stabilisierung wird extrem gestört. Da regressive  oder traumatische Übertragungen den Heilungsprozess behindern, empfehlen wir, traumatische Übertragungen zu benennen und die Dynamik der Selbstbildung der Mädchen und Jungen zuzuführen (vgl. Weiß 2008, Reddemann 2004).

Markus soll vor Gericht aussagen, er wurde von seinem Vater sexuell missbraucht. Markus hat Angst, der Vater war immer mächtiger, er konnte sich nicht verstecken, niemand – auch nicht die Großeltern, die das wollten – konnten ihn schützen.

Die Übertragung der Erfahrung von Markus, sein Vater ist mächtig, hindert ihn, der Pädagogin zu vertrauen. Es steht eine „dritte Person zwischen den beiden“, diese Person ist der Vater, es ist der Täter. Die phänomenologische Beschreibung „da steht jemand zwischen uns, das ist der Vater“ hilft Markus, die Situation  zu verstehen und seine Angst zu formulieren. Indem diese alten Beziehungsinhalte als heute noch wirkend sichtbar werden,  kann Markus dies wahrnehmen und offen für neue Erfahrungen werden. 
Die 14-jährige Janina lebt seit 11 Monaten in einer Jugendwohngruppe. Im Alter zwischen 6 und 9 wurde Janina von ihrem Stiefvater sexuell missbraucht. Er manipulierte sie, indem er sie zu seiner Prinzessin ernannte, ihr Zuwendung, Wertschätzung und Lob erteilte und für die Wahrung des kleinen Geheimnisses größere Geschenke machte, gegen Ende der Missbrauchsphase aber auch drohte. Als Janina Tischabräumdienst hat und Erzieher Bernd in die Küche kommt, um zu kontrollieren, schmiegt sie sich an ihn, klammert ihre Arme um seinen Hals und versucht, ihn zu küssen. Als Bernd sich aus ihrem Griff befreien kann, macht sie ein unglückliches Gesicht und fragt, warum er eigentlich nicht mit ihr allein auf ihr Zimmer gehen wolle.

Janina zeigt durch dieses Verhalten, was ihr zugestoßen ist. Sie musste sich prostituieren, sonst mochte sie niemand. Damals erhielt sie ausschließlich im sexuellen Gewaltkontext Zuwendung. Nun überträgt sie diese Erfahrung auf andere Beziehungen, sie sexualisiert diese Beziehungen. Gerade die Übertragung von sexualisierten Beziehungerfahrungen ist für  Pädagogen und Pädagoginnen nicht einfach zu bewältigen. So kann es geschehen, dass diese sich brüsk abwenden, vielleicht aus Angst in eine „Täter“rolle zu rutschen. Die Beziehung wird abgebrochen. Janina jedoch braucht vor allem eins: Bernd bleibt in Beziehung, er redet mit ihr, sie hat Wert, sie ist wichtig – ohne sexuelle Angebote. Beziehung ist notwendig, sie darf nicht abgebrochen werden.

Traumatische Übertragungen lösen zum Teil heftige Gegenübertragungen, Gegenreaktionen  aus, die dazu führen können, dass wir ähnlich wie die schlagenden, versagenden und missbrauchenden Eltern handeln. Manchmal haben die Reaktionen der PädagogInnen mit eigenen Erfahrungen zutun, manchmal mit der Tagesform. Die Reflexion dieser komplizierten Situation, das Verstehen der Botschaft des Kindes, das Verstehen unserer Reaktion, unserer eigenen Übertragungen, ist immer wieder notwendig, damit das Kind seine alten Beziehungserfahrungen bearbeiten und korrigierende Erfahrungen machen kann.

Im Umgang mit traumatischen Übertragungen empfehlen wir die unten dargestellte Vorgehensweise. Dabei geht es im pädagogischen Alltag nicht darum, allzeit traumatische Übertragungen in obigem Sinne aufzulösen. Manchmal, meistens wird man sie einfach aushalten und manchmal schützend beenden. Da Kinder durch die Übertragung traumatischer Erfahrungen Wachstumschancen, neue Bindungserfahrungen blockieren, ist es immer wieder notwendig, die Wirkkraft dieser Erfahrungen durch Benennen, Spiegeln und die gemeinsame Suche nach alternativen Handlungsmöglichkeiten zu minimieren oder gar aufzulösen. Dies gilt insbesondere bei Übertragungsmanifestationen.

Lei(d)tfaden zum Umgang mit traumatischer Übertragung [1]

  • Traumatische Übertragungen wahrnehmen
  • Innehalten, Gegenreaktionen wahrnehmen
  • Aus Gegenreaktion rausgehen
  • In Beziehung bleiben
  • Übertragungsinhalte wahrnehmen
  • Sicherheit für das Kind herstellen, deeskalieren
  • Ich sehe Deine Bedürfnisse
  • Ich spüre Deine Gefühle heute
  • Ich spüre Deine Wut, Deine Trauer, Deine Ohnmacht, Deine Verwirrung über das, was damals war
  • Realitätsüberprüfung mit dem Mädchen/Jungen
  • Übertragungsinhalte mit dem Mädchen/Jungen erforschen, Übertragungsraum herstellen, evtl. später, nicht vergessen!
  • Verhandeln über Handlungsschritte: Was brauchst Du?
  • Übertragungsinhalte genauer, möglichst im Team, identifizieren
  • Eigene Gegenreaktionen klären, auch im Team
  • Übertragungsinhalte allgemein bearbeiten (Entlastung von Schuld, Aufheben v. Isolation)

Markus kann seine Angst und seine Ohnmacht in Beziehung mit der Pädagogin wahrnehmen, er bekommt die Bestätigung, diese Gefühle waren anstrengend und angemessen, Du hast viel geleistet, das war schwer. Janinas Verwirrung, Scham, und Isolation werden deutlich. Indem der Erzieher diese Gefühle spiegelt, bestätigt er die verwirrende Situation und die Isolationserfahrung und hilft Jananina die Scham mit Hilfe der Sprache kognitiv zu verändern: „Mädchen und Jungen, die sexuell benutzt werden, schämen sich dafür, sie haben keine Schuld, die Erwachsenen, die das tun, sollten sich schämen. Mit dieser Unterstützung helfen wir den Mädchen und Jungen traumatische Übertragungen zu erkennen, ihre Gefühle dazu zu spüren und loszulassen Damit ist in einem ersten Schritt Selbstwirksamkeit in den traumatischen Lebensereignissen entstanden, die ursprünglich von Ohnmacht geprägt waren, und damit beginnen die Kinder sich wirksam zu erleben und auch Möglichkeiten zu entdecken, sich, ihr Erleben, ihr Verhalten und ihr Bewerten entsprechend ihren Bedürfnissen zu steuern.

Wir bewerten die Wirksamkeit traumatischer Übertragungen anders als im therapeutischen Rahmen im pädagogischen Alltag eher als Beeinträchtigung der aktuellen Beziehungen denn als Chance zur Bewältigung. Sicher muss es einen Rahmen, einen “Übertragungsraum“ geben, in dem die Gefühle des Mädchen oder Jungens von heute und von damals sein dürfen und wahrgenommen werden. Es gibt unterschiedliche Auffassungen über die Dimension dieses „Übertragungsraumes“. So fordert. Monika Nienstedt Pflegeeltern auf, die „Übertragungsbeziehung im Hier und Jetzt wirklich anzunehmen, statt sie – durch einen direkten Verweis auf die früheren Eltern – rasch auflösen zu wollen“ (Nienstedt 2002, S. 61). Wie lange kann ein solcher „Übertragungsraum“ dauern? Nienstedt ist der Meinung, das Kind muss Schritt um Schritt selbst die Entdeckung machen, dass die Pädagogen in Wirklichkeit schützend und befriedigend sind und die berechtigten Vorstellungen und Gefühle etwas mit einer anderen Realität zu tun haben (a. a. o., S. 62).  Auch Kontext von Therapie kennen wir  andere Auffassungen. So schlägt Luise Reddemann (2004) vor, das TherapeutInnen die Übertragung sich nicht endlos entfalten lassen, sie benennen, aufklären und die PatientInnen einladen, die Nützlichkeit dieser (regressiven) Übertragungen für ihr Leben heute zu überprüfen.

Literatur
Nienstedt, M. (2002): zur Verarbeitung traumatischer Erfahrungen: Einfühlendes Verstehen im Umgang mit Anpassung, Übertragung und Regression. In: Stiftung zum Wohle des Kindes: 1. Jahrbuch des Pflegekinderwesens. Schwerpunktthema: Traumatisierte Kinder
Reddemann, Luise (2004): Ressourcenorientierung in der Psychotherapie – wozu? CD. AVRecording Service. 
Weiß, Wilma (2008): Die traumatische Übertragung auflösen. In: Philipp sucht sein Ich. Zum pädagogischen Umgang mit Traumata in den Erziehungshilfen. S. 148 – 153.


[1] Nach Weiß 2008