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Die siebenjährige Thora lebt seit zwei Jahren in der Pflegefamilie. Immer wieder mal schleicht sie nachts in die Küche und füllt sich eine Tüte mit Lebensmittel. Sie findet das selbst nicht gut, weil sie ihre Pflegeeltern mag und diese nicht hintergehen will. Als Thora wieder einmal fast im Kühlschrank kniet, kommt die Pflegemutter hinzu. Sie sagt, Du machst dass sicher, weil  Du für Dich sorgen musst.

Das erste Mal in ihrem Leben hört Thora, dass es gut ist, dass sie sich um sich kümmert, Ihre Verhaltensstrategie wird als sinnvoll bewertet; Thora  hat einen guten Grund, dies zu tun. 1 Johann steht mit seiner Wohngruppe am Kleinbus, sie wollen ein Ausflug machen. Johann weigert sich, seine Jacke zu holen. Er wird starr und bewegungsunfähig. In seiner Herkunftsfamilie hat er folgendes erlebt: Er sollte seine Jacke holen und als er aus seinem Zimmer kam, waren alle weg. Johann geht mit „gutem Grund“ nicht seine Jacke holen.

Die Bewusstheit über den Sinn des eigenen Verhaltens, die Selbst-Bewusstheit, ist die Grundlage für die Entwicklung alternativer, das Selbst stärkende Verhaltensweisen. Thora und Johann erfahren durch die Pädagogen, dass sie einen guten Grund hatten für ihr Verhalten. Nun kommt es darauf an, dass sie sich selbst verstehen:

In der Wohngruppe randaliert der 11jährige Markus im Bad. Seit Markus in der Einrichtung ist, randaliert er immerzu im Bad. Der Bezugsbetreuer kommt hinzu und sagt in aller Ruhe zu  Markus: „Mir fällt auf, Du randalierst immer im Bad. Du tust das weil?“ Daraufhin kann Markus sofort antworten: „Weil meine Tante immer im Bad war“ und er erzählt weiter, wie  und wie sehr diese ihn Bedrängnis brachte.

Der  Bezugsbetreuer Andreas interessiert sich für Markus. Er möchte dessen Verhalten, das Randalieren und auch Zerstören im Bad verstehen.  Es geht ihm auch darum, dass Markus selbst sein Verhalten versteht. Andreas schaut sich das an, geht auf Markus zu und fragt ihn  „Du tust das weil?“,  Das Wort Weil hat er bewusst gewählt. Andreas geht davon aus, dass er mit der Frage “Warum tust Du das?“, bei Kindern mit lebensgeschichtlichen Risiken wie Markus sofort ein Schuldgefühl aktiviert und sie in die Defensive drängt.


So erreicht er, dass Markus  sein Verhalten als Reaktion auf früher  verstehen kann, dass er dies als normale Reaktion auf eine unnormale Umwelt akzeptiert. Im festen Falle erreichen wir, dass Thora und Markus ihre eigenen Verhaltensweisen wertschätzen als eine Überlebensstrategie. Diese Wertschätzung ist eine Grundlage von Verhaltensänderung.

Es geht nicht darum, dass die PädagogInnen das störende oder schädigende Verhalten positiv umdeuten, sondern dass sie durch Spiegeln oder durch ein Angebot von Definitionen die Kinder und Jugendlichen unterstützen, ihr Verhalten selbst zu verstehen und zu akzeptieren.

Unsere  Haltung ist entscheidend:

  • Der Respekt von der Lebensleistung der Kinder
  • Die bisherigen Anpassungsbemühungen des Kindes als Überlebensstrategien verstehen
  • Selbstverstehen, Selbstwirksamkeit und Selbstregulation unterstützen
  • Es geht um Integrationsleistungen

Das Wort „weil“ transportiert diese Haltung und lädt zum Selbstverstehen ein. Im Rahmen unserer Fortbildungen berichten Pädagoginnen und Pädagogen immer wieder von einer spürbaren Entlastung der Mädchen und Jungen durch die Weilfrage. Im festen Falle erreichen wir, dass Thora und Markus und Johann ihre eigenen Verhaltensweisen wertschätzen als eine Überlebensstrategie.
Diese Wertschätzung scheint eine Grundlage von Verhaltensänderung zu sein.

  • Für sich beschreiben die PädagogInnen das Wörtchen „weil“ als Wechsel vom Ausfragen hin zu einem respektvollem, liebevollen Interesse und damit auch eine Veränderung ihrer eigenen Haltung.
  • Auch für die Kinder verändert sich etwas: Neben der Erfahrung von respektvollem, liebevollem Interesse der Pädagogen werden sie aufgefordert, sich mit sich auseinanderzusetzen. Die Erfahrungen zeigen in der Tat, dass ein kognitiver Prozess des Selbstverstehens in Gang kommt.
  • Die Weilfrage birgt noch andere Chancen: In einer Erziehungsstelle übernahmen die Töchter der Leiterin diese Weilfragen als Spiel untereinander und erzählten, dass sie sich nun besser verstehen.
  • Die Weilfrage kann im fachlichen Austausch, im Team helfen, das Verständnis für die Mädchen und Jungen zu erhöhen: Wir empfehlen das störende Verhalten zu identifizieren und die KollegInnen im Team zu befragen: „Sie tut das weil“, bis z. B. die Bezugsbetreuerin das Gefühl hat, den ganz konkreten Grund des Verhaltens dieses konkreten Kindes zu kennen, zu spüren.
  • Sie ist auch im gruppenpädagogischem Setting eine gute Möglichkeit, probieren Sie es aus.
  • Sie hat ihre Grenzen, sie taugt nichts bei einer bestimmten Eskalationsstufe, die Grenzen und die Sicherheit der Mädchen und Jungen müssen gewahrt werden.

Wie auch immer, es kommt darauf an, dass wir  die Jungen und Mädchen unterstützen, sich selbst zu verstehen und ihre eigenen Verhaltensweisen zu akzeptieren. Dann können sie überprüfen, ob diese Verhaltensweisen für sie notwendig sind, ob sie ihnen gut tun. Möglicherweise finden sie andere Wege. Sie erleben Selbstverstehen und Selbstkontrolle, ein weiterer Schritt, bewusster Gestalter ihres Lebens zu sein.

Wilma Weiß


1   Alice Ebel verwendet dafür in Ihrem Artikel „Traumatisierte (Pflege)Kinder und ihre (Herkunfts)Eltern“, veröffentlicht bei der Arbeitsgemeinschaft für Sozialberatung und Psychotherapie (AGSP) im Internet den Begriff „Das Konzept des guten Grundes“